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Biblische Exegese -- Modul 2

Paulusbriefe

Der erste Theologe des NT. Seine Briefe entstanden vor den Evangelien und haben zwei Jahrtausende theologischer Debatten von Luther bis zur Neuen Perspektive gepragt.

7 Briefeauthentisch
49-57 n.Chr.Datierung
Rm 1,17sola fide
1999Gemeinsame Erklarung
📝

Introduction

Die Paulusbriefe bilden das erste systematische theologische Corpus des NT und entstanden vor den kanonischen Evangelien. Verfasst ca. 49-62 n.Chr., artikulieren sie Christologie, Soteriologie, Ekklesiologie und Eschatologie.

1. Authentizitat des paulinischen Corpus

Sieben Briefe gelten als unbestritten authentisch: Romer, 1-2 Korinther, Galater, Philipper, 1 Thessalonicher, Philemon (ca. 49-57 n.Chr.). Pastoralbriefe (1-2 Tim, Tit) sind fur die kritische Mehrheit deuteropaulinisch.

2. Die grossen paulinischen Themen

a) Rechtfertigung durch den Glauben (Romer, Galater): wir halten fest, dass der Mensch gerecht wird durch den Glauben, ohne Werke des Gesetzes (Rm 3,28). Luther: allein durch den Glauben (sola fide).

b) Der Christushymnus (Phil 2,6-11) Phil 2,6-11 (carmen Christi): Christus in der Gestalt Gottes (morphe theou) entausserte sich (Kenose), nahm Knechtsgestalt an. Gott erhohte ihn dann uberhoch. Prasexistenz, Kenose, Erhohung.

c) Tora und Christus Galater: die Tora war Erzieher bis Christus (3,24). Romer 7: die Tora ist heilig aber unfaehig, Leben zu geben. Romer 9-11: Ganz Israel wird gerettet werden (11,26).

d) Eschatologie Eschatologische Spannung: schon/noch nicht. Unmittelbar erwartete Parusie (1 Thess 4,15-17). Geistleib (soma pneumatikon, 1 Kor 15,44): keine Entmaterialisierung, sondern Verklarung.

3. Die Neue Perspektive auf Paulus

Sanders (1977): Bundes-Nomismus -- Eintritt durch gottliche Erwahlung (Gnade), Bleiben durch Toraobservanz. Dunn (1983): Werke des Gesetzes = Identitatsmerkmale Israels (Beschneidung, Speisegebote, Sabbat). Wright (2013): Rechtfertigung innerhalb der Geschichte von Gottes Treue zum Abrahamsbund.

✟ Katholisch

Konzil von Trient (1547, Sess. VI): Rechtfertigung ist transformierend (nicht nur deklarativ). Gemeinsame Erklarung (lutherisch-katholisch, Augsburg 1999): Konsens uber Rechtfertigung durch Gnade allein, empfangen durch den Glauben.

✠ Protestantisch

Luther (Vorrede zum Romerbrief, 1522): Dieser Brief ist das vornehmste Teil des NT. Rm 1,17 ist der Grundlagentext der Reformation. Calvin kommentiert Romer 1540. Die NPP hat den Protestantismus gespalten.

☦ Orthodox

Die orthodoxe Theologie bevorzugt den Rahmen der Theosis (Vergottung) gegenuber der forensischen Rechtfertigung. Romer 5-8 (Leben im Geist, neue Schopfung) ist zentral.

📚 Pour aller plus loin

Bibliography

Origen. Commentary on Romans. FC 103-104. CUA, 2001.
Chrysostom, John. Homilies on Romans (32 hom.). PG 60. NPNF 1/11.
Augustine. Expositio quarumdam propositionum ex Epistula Pauli ad Romanos. CSEL 84.
Aquinas, Thomas. Super Epistolam ad Romanos Lectura. Turin: Marietti, 1953.
Luther, Martin. Lectures on Romans (1515-1516). WA 56. LW 25.
Luther, Martin. Preface to Romans (1522). WA DB 7. LW 35.
Calvin, Jean. Commentary on Romans (1540). CO 49. CNTC 8.
Bengel, J.A. Gnomon Novi Testamenti (1742). 5 vols. T&T Clark, 1857-1858.
Barth, Karl. The Epistle to the Romans. 6th ed. Oxford: OUP, 1968.
Bultmann, Rudolf. Theology of the New Testament. 2 vols. New York: Scribner, 1951-1955.
Kasemann, Ernst. Commentary on Romans. Trans. G. Bromiley. Grand Rapids: Eerdmans, 1980.
Bornkamm, Gunther. Paul. New York: Harper & Row, 1971.
Cranfield, C.E.B. A Critical and Exegetical Commentary on the Epistle to the Romans. 2 vols. ICC. Edinburgh: T&T Clark, 1975-1979.
Sanders, E.P. Paul and Palestinian Judaism. Philadelphia: Fortress, 1977.
Sanders, E.P. Paul, the Law, and the Jewish People. Philadelphia: Fortress, 1983.
Dunn, James D.G. Romans. 2 vols. WBC 38A-B. Dallas: Word, 1988.
Dunn, James D.G. The Theology of Paul the Apostle. Grand Rapids: Eerdmans, 1998.
Wright, N.T. What Saint Paul Really Said. Grand Rapids: Eerdmans, 1997.
Wright, N.T. Paul and the Faithfulness of God. 2 vols. London: SPCK, 2013.
Westerholm, Stephen. Perspectives Old and New on Paul. Grand Rapids: Eerdmans, 2004.
Gathercole, Simon J. Where Is Boasting? Grand Rapids: Eerdmans, 2002.
Campbell, Douglas A. The Deliverance of God. Grand Rapids: Eerdmans, 2009.
Fitzmyer, Joseph A. Romans. AB 33. New York: Doubleday, 1993.
Jewett, Robert. Romans: A Commentary. Hermeneia. Minneapolis: Fortress, 2007.
Martyn, J. Louis. Galatians. AB 33A. New York: Doubleday, 1997.
Fee, Gordon D. The First Epistle to the Corinthians. NICNT. Grand Rapids: Eerdmans, 1987.
LWF and RCC. Joint Declaration on the Doctrine of Justification. Augsburg, 31 October 1999.

Corpus

Welche 7 Briefe sind authentisch paulinisch?

Romer, 1-2 Korinther, Galater, Philipper, 1 Thessalonicher, Philemon (ca. 49-57 n.Chr.). Pastoralbriefe deuteropaulinisch fur die Mehrheit.

NPP

Was ist Sanders' Bundes-Nomismus?

Das Judentum der Zweiten-Tempel-Zeit ist keine Verdienstlehre: Eintritt durch gottliche Erwahlung (Gnade), Bleiben durch Toraobservanz. Die lutherische Karikatur ist unbegrundet.

NPP

Was sind die Werke des Gesetzes (Dunn)?

Erga nomou = Identitatsmerkmale Israels (Beschneidung, Speisegebote, Sabbat). Paulus kritisiert nicht Verdienstlegalismus, sondern exklusivistischen Nationalismus.

Christologie

Was ist der Philipperhymnus (2,6-11)?

Carmen Christi: Christus in Gottesgestalt (morphe theou) -- Prasexistenz -- entausserte sich (Kenose), nahm Knechtsgestalt an. Gott erhohte ihn hochst.

Romer

Was ist die Struktur des Romerbriefs?

Rm 1-4: Sunde, Rechtfertigung, Abraham. Rm 5-8: Leben in Christus, Geist. Rm 9-11: Geheimnis Israels. Rm 12-15: Ethik. Rm 16: Phobe Diakonin.

Rechtfertigung

Lutherische vs. katholische Rechtfertigung?

Lutherisch: deklarative Rechtfertigung -- angerechnete Gerechtigkeit, sola fide. Katholisch (Trient): auch transformierend. Gemeinsame Erklarung (1999): Konsens uber Gnade allein durch Glauben.

Eschatologie

Was ist Paulus' Eschatologie?

Spannung: schon/noch nicht. Unmittelbar erwartete Parusie (1 Thess 4,15-17; 1 Kor 15,51-52). Geistleib (soma pneumatikon, 1 Kor 15,44): Verklarung, nicht Entmaterialisierung.

Mystik

Was bedeutet die Formel en Christo?

165 Vorkommen. Bezeichnet die organische Vereinigung des Glaubenden mit dem auferstandenen Christus. Untrennbar von Taufe (Rm 6,3-11) und Leben im Geist (Rm 8).

Q1Bewerten Sie die Neue Perspektive auf Paulus.

Die NPP erfullt eine hermeneutische Schlusselfunktion: Sie zwang Exegeten, konfessionelle Vorurteile uber das Judentum zu hinterfragen. Sanders zeigte, dass Bundes-Nomismus das Judentum der Zweiten-Tempel-Zeit charakterisiert. Dunn las erga nomou als Identitatsmerkmale. Wright bettet Rechtfertigung in die Bundesgeschichte ein.

Grenzen: (1) Westerholm und Gathercole zeigten, dass einige Texte eine Verdienstsoteriologie enthalten. (2) Dunns Lesart ist attraktiv aber umstritten. (3) Wrights Auffassung von Rechtfertigung als Bundeszugehorigkeit schafft Spannungen.

Sanders (1977). Dunn (1998). Wright (2013). Westerholm (2004).

Q2Wie artikuliert Paulus Israels Berufung mit dem Universalismus des Evangeliums in Romer 9-11?

Paulus bejaht gleichzeitig: (1) Gottes Verheissungen an Israel sind unwiderruflich (11,29); (2) Israel hat das Evangelium abgelehnt; (3) diese Ablehnung dient der Heidentmission (11,12); (4) Ganz Israel wird gerettet werden (11,26).

Interpretationen von Rm 11,26: (a) Israel = Kirche (Calvin); (b) judisches Volk bei Parusie gerettet; (c) Israel gerettet wenn es Christus bei der Parusie erkennt (Cranfield, Wright).

Cranfield. Wright. Fitzmyer.

🎯

Quiz -- Paulusbriefe

4 questions

1/4

Q1/4

Welche 7 Briefe sind authentisch paulinisch?

AEpheser, Kolosser, Pastoralbriefe
BRomer, 1-2 Korinther, Galater, Philipper, 1 Thessalonicher, Philemon
CAlle 13 paulinischen Briefe
DNur Romer und Galater

💡

7 authentische Briefe: Rm, 1-2 Kor, Gal, Phil, 1 Thess, Phlm. Pastoralbriefe deuteropaulinisch.

Q2/4

Sanders' Bundes-Nomismus bedeutet:

ADas Judentum war eine Verdienstlehre
BEintritt durch Gnade (Erwahlung), Bleiben durch Toraobservanz
CJudentum identisch mit paulinischem Christentum
DJudentum kannte keinen Gnadenbegriff

💡

Sanders (1977): Bundes-Nomismus. Eintritt durch Gnade, Bleiben durch Tora. Die lutherische Karikatur ist unbegrundet.

Q3/4

Der Phil 2,6-11-Hymnus bringt aus:

AChristus lehnt die Inkarnation ab
BPrasexistenz, Kenose, Erhohung
CSieg uber kosmische Machte
DIdentitat Christi mit dem Geist

💡

Carmen Christi: morphe theou, Kenose, Erhohung.

Q4/4

Gemeinsame Erklarung zur Rechtfertigung (1999) bestatigt:

AVollstandige Ubereinstimmung, Trient aufgehoben
BKonsens uber Gnade allein durch Glauben, mit verbleibenden Unterschieden
CLutherische sola fide vollstandig validiert
DRechtfertigung ohne dogmatische Bedeutung

💡

Augsburg 1999, LWF und katholische Kirche. Konsens uber Rechtfertigung durch Gnade allein.
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