Kontextuelle Theologien — Modul 2
Feministische Theologie
Von Tertullians Schweigen bis zu Schüssler Fiorenzas Lehrkathedern hat die feministische Theologie die Grundfragen über Gott, Christus, Schrift und Kirche neu formuliert.
Definitionen und Problemstellung
Die feministische Theologie ist eine akademische Disziplin, die religiöse Traditionen durch die Kritik von Geschlechterherrschaftsstrukturen untersucht und die Theologie so rekonstruiert, dass den Erfahrungen, der Stimme und der vollen Menschlichkeit der Frauen Gerechtigkeit widerfährt. Sie ist plural: man spricht heute von feministischen Theologien im Plural, je nach konfessionellen Traditionen, kulturellen Kontexten und Intersektionalitäten von Klasse, Rasse und Sexualität.
1. Vorläuferinnen (19. Jh.)
Elizabeth Cady Stanton (1815-1902) veröffentlicht The Woman's Bible (1895-1898), den ersten systematischen Versuch einer feministischen Bibellektüre. Antoinette Brown Blackwell (1825-1921), erste ordinierte Frau in den USA (Kongregationalistin, 1853), widerlegt in Exegesis of 1 Corinthians XIV and 1 Timothy II (1849) die paulinischen Argumente gegen Frauen.
2. Akademische feministische Theologie (1960er-1980er)
Valerie Saiving Goldstein (1921-1992) veröffentlicht 1960 den Grundlagenartikel "The Human Situation: A Feminine View": Die Definition der Sünde als Stolz und Selbstbehauptung (Niebuhr, Tillich) ist aus männlicher Erfahrung konstruiert. Für Frauen, deren Sozialisation eher die Auflösung des Selbst produziert, ist Demut keine Tugend, sondern ein mögliches Laster.
Mary Daly (1928-2010) radikalisiert ihre Position in Beyond God the Father (1973): Der patriarchale Gott muss aufgegeben werden. Rosemary Radford Ruether (geb. 1936) verfasst mit Sexism and God-Talk (Boston: Beacon, 1983) das erste vollständige systematische feministische Theologiehandbuch. Elisabeth Schüssler Fiorenza (geb. 1938) revolutioniert in In Memory of Her (New York: Crossroad, 1983) die Erforschung der christlichen Ursprünge: Frauen (Maria Magdalena, Priszilla, Lydia, Phöbe) waren Leiterinnen und Gemeindegruenderinnen, durch spätere patriarchalische Redaktion unsichtbar gemacht. Phyllis Trible (geb. 1932) identifiziert in God and the Rhetoric of Sexuality (1978) weibliche Gottesmetaphern im Alten Testament.
Zentrale Debatten
3. Die Ordination von Frauen
| Tradition | Position | Argumente | Schlüsseltexte |
|---|---|---|---|
| Reformiert/Presbyterianisch | Ordination erteilt (Schottland 1966; Frankreich 1966; USA 1956) | Galater 3,28; Charismen des Geistes für alle; Maria Magdalena als erste Zeugin der Auferstehung | Gal 3,28; Röm 16,1-7 (Phöbe Diakonin; Junia Apostelin); Apg 2,17-18 |
| Lutherisch | Ordination erteilt (Schweden 1960; Deutschland 1976; USA 1970) | Paulustexte als kontextuell bedingt interpretiert; Gal 3,28 als normative Norm | 1 Tim 2,11-15 (situationsbedingt); Gal 3,28 |
| Anglikanisch | Gespalten: Ordination 1992 erteilt; ein Teil der Bischöfe lehnt ab | Via media; volle Nutzung der Charismen; Argument des Christusbildes umstritten | Lambeth-Bericht 1988; Synodalabstimmung 1992 |
| Katholisch | Endgültige Ablehnung: Inter insigniores (1976); Ordinatio sacerdotalis (1994) | Tradition: Christus wählte nur Männer unter den Zwölf; Priester handelt in persona Christi als Ikone des männlichen Christus | CIC can. 1024; OS (1994, auf definitive Weise); GDF-Responsum 1995 |
| Orthodox | Ablehnung des Priestertums; Debatte über das Frauendiakonat | Unvordenkliche Tradition; mehrere orthodoxe Synoden diskutieren Frauendiakonat (Konstantinopel 2017) | Kallistos Ware; Synaxis Konstantinopel 2017 |
4. Sprache über Gott
Mary Daly formuliert: "Wenn Gott männlich ist, ist das Männliche Gott." Ausschließlich männliche Sprache über Gott heiligt männliche Herrschaft als göttlich gewollt. Sallie McFague (1933-2019) entwickelt in Models of God (1987) alternative Modelle: Gott als Mutter, Liebende, Freundin. Elizabeth Johnson (geb. 1941) veröffentlicht She Who Is (New York: Crossroad, 1992): die Schrift selbst verwendet weibliche Bilder für Gott (Jes 49,15; 66,13; Ps 22,9-10; Lk 15,8-10).
5. Feministische Christologie
Letty Russell (1929-2007) entwickelt in Church in the Round (1993) eine feministische "Rundtisch"-Ekklesiologie: gegen hierarchische Strukturen, eine inklusive Kirche rund um den gemeinsamen Abendmahlstisch. Carter Heyward entwickelt eine relationale Christologie: Jesus verkörpert das Prinzip der Gegenseitigkeit und der befreienden Beziehung.
Juliane von Norwich (1342-ca. 1416) — Jesus als Mutter
So wahrhaftig wie Gott unser Vater ist, so wahrhaftig ist Gott unsere Mutter. (Offenbarungen der göttlichen Liebe, Kap. 59.) Die mittelalterliche Mystik bietet vorfeministische Quellen für die feministische Christologie.
Feministische Theologien nach Tradition
✟ Katholisch
Ordinatio sacerdotalis (1994) schliesst die Ordinationsfrage auf definitive Weise. Johnsons Quest for the Living God (2007) wird von der US-Bischofskonferenz (2011) kritisiert. Franziskus ernennt Frauen in Schlüsselpositionen im Vatikan und signalisiert damit eine de facto Evolution.
✠ Protestantisch
Die reformierten, lutherischen und methodistischen Kirchen haben den egalitären Weg bei der Ordination eingeschlagen. Der evangelikale Komplementarismus (Grudem, Piper) bleibt bedeutsam. Der ÖRK unterstützte feministische Theologie durch die Studie "Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche" (1983).
☦ Orthodox
Die konservativste Tradition. Die Ordination von Frauen zum Priestertum ist ausgeschlossen. Die Frage des Frauendiakonats (im frühen Christentum bezeugt) wird jedoch aktiv diskutiert: das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel (Synaxis 2017) erörterte seine Wiederherstellung.
📚 Pour aller plus loin
Primaerquellen — Patristik und Mittelalter
Feministische Theologie — Grundlagenwerke
Lehramt und konservative Antworten
Nachschlagewerke
Methode
Was ist das Kernargument von Valerie Saiving Goldstein (1960)?
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Die Definition der Sünde als Stolz, Selbstbehauptung und Machtstreben (Niebuhr, Tillich) ist aus männlicher Erfahrung konstruiert. Für Frauen, deren Sozialisation eher die Auflösung des Selbst produziert, ist Demut keine Tugend, sondern ein mögliches Laster. Die dominante systematische Theologie ist androzentrisch.
Exegese
Was ist die hermeneutische Methode von Schüssler Fiorenza?
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Vierfache Hermeneutik: (1) Verdacht — alle kanonischen Texte auf androzentrische Vorurteile verdächtigen; (2) Erinnerung — gelöschte Frauen wiederfinden (Maria Magdalena, Priszilla, Phöbe); (3) Verkündigung — welche Texte können befreiend verkündet werden?; (4) Kreative Reintegration — imaginative Rekonstruktion des Originalkontexts.
Sprache
Was bedeutet Mary Dalys Formel 'Wenn Gott männlich ist, ist das Männliche Gott'?
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Ausschließlich männliche Sprache über Gott (Vater, König, Herr) heiligt männliche Herrschaft als göttlich gewollt. Dalys Lösung (post-christliche Phase): Aufgabe des patriarchalen Gottes. Johnsons Lösung: Rückgriff auf die weiblichen Gottesmetaphern der Schrift und den klassischen Apophatismus (Gott übersteigt jedes Geschlecht).
Ordination
Was ist die katholische Position zur Frauenordination?
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Inter insigniores (GDF, 1976): beständige Tradition, nur Männer zu ordinieren; der Priester handelt in persona Christi als Ikone des männlichen Christus. Ordinatio sacerdotalis (Johannes Paul II., 1994): diese Entscheidung ist auf definitive Weise erklärt. Feministische Gegenkritik: Christus wurde als Jude des 1. Jh. geboren; seine Männlichkeit ist theologisch nicht bestimmender als seine Volkszugehörigkeit.
Mujerista
Was ist Isasi-Diaz' mujerista Theologie?
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Theologie der Latinas in den USA (von mujer, Frau). Gegründet von Ada Maria Isasi-Diaz (1943-2012). Methode: lo cotidiano als theologischer Ort — der Alltag der Latinas, ihre Kämpfe, ihre Volksspiritualität. Kritisiert doppelte Marginalisierung (Frau + Einwanderin). Lehnt es ab, unter den weißen Feminismus subsumiert zu werden.
Evangelikal
Was ist die komplementaristische vs. egalitaristische Unterscheidung?
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Komplementarismus (Grudem, Piper, 1991): Gott schuf Mann und Frau unterschiedlich und komplementär. Männliche Führung ist Schöpfungsgabe. Frauen können keine Lehrautorität über Männer ausüben (1 Tim 2,12). Egalitarismus: Gal 3,28 übersteigt jede Geschlechterhierarchie; 1 Tim 2,12 ist kontextuell bedingt.
Gottessprache
Was trägt Elizabeth Johnson mit She Who Is (1992) bei?
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Der klassische Apophatismus und die Schrift selbst liefern Ressourcen für weibliche Gottessprache. Jes 49,15 (Gott als Mutter); Jes 66,13; Ps 22,9-10 (Gott als Hebamme); Lk 15,8-10 (Gott als Frau auf der Suche nach ihrer Münze). Weibliche Gottessprache ist keine Innovation, sondern Rückgewinnung des Schrift- und Väterreichtums.
Christologie
Worauf basiert Carter Heywards feministische Christologie?
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Heyward (The Redemption of God, 1982): Beziehungschristologie. Jesus ist nicht Erlöser wegen seines männlichen Geschlechts, sondern wegen seiner Praxis der befreienden Gegenseitigkeit. Diese Gegenseitigkeit ist für alle zugänglich. Jesu Männlichkeit ist theologisch nicht bestimmend.
Verbietende Texte: 1 Kor 14,34-35; 1 Tim 2,11-15; 1 Tim 3 und Tit 1. Befreiende Texte: Gal 3,28; Röm 16,1-7 (Phöbe Diakonin; Junia Apostelin); Joh 20,11-18 (Maria Magdalena erste Auferstehungszeugin).
Egalitaristische Position: Verbotstexte sind situationsbedingt. Komplementarismus (Grudem, Piper): diese Texte spiegeln die Schöpfungsordnung wider. Katholische Dimension: Inter insigniores (1976) stützt sich auf die beständige Praxis Christi und das in persona Christi des Priesters. Ordinatio sacerdotalis (1994) erklärt die Entscheidung auf definitive Weise.
GDF. Inter insigniores (1976); Ordinatio sacerdotalis (1994). Grudem, W. und Piper, J. Recovering Biblical Manhood. 1991.
Daly (1973): ausschließlich männliche Gottessprache heiligt Geschlechterhierarchien. Radikale Lösung: Aufgabe des patriarchalen Gottes. McFague (1987): Gottessprache ist immer metaphorisch; Alternativen: Gott als Mutter, Liebende, Freundin. Johnson (1992): Apophatismus und Schrift liefern Ressourcen; Jes 49,15; 66,13; Ps 22,9-10. LaCugna (1991): Die Trinitätslehre bricht mit jedem patriarchalen Monarchismus.
Daly, M. Beyond God the Father. 1973. Johnson, E. She Who Is. 1992.
Grundlegende Beiträge: (1) Aufdeckung des androzentrischen Vorurteils der Akademietheologie; (2) Wiederfinden gelöschter Frauen in der Bibelgeschichte; (3) Kritik der Gottessprache, Christologie, Ekklesiologie; (4) Frauenordination und inklusive Ekklesiologie.
Grenzen: Ethnozentrismus-Risiko (dominante feministische Theologie ist oft weiß und nordamerikanisch); Risiko der Dekonstruktion ohne Rekonstruktion. Konservative Kritik: Ersatz von Erfahrung durch Offenbarung.
Ruether, R.R. Sexismus und die Rede von Gott. 1985. Jones, S. Feminist Theory. 2000.
Quiz — Feministische Theologie
8 questions
Q1/8
Valerie Saiving Goldsteins Artikel von 1960 kritisiert die Definition der Sünde als Stolz, weil:
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Saiving (1960): Niebuhr und Tillich definieren Sünde als Stolz, Selbstbehauptung, Machtstreben (typisch männliche Erfahrung). Für Frauen ist Demut keine Tugend, sondern ein potenzielles Laster.Q2/8
Schüssler Fiorenzas Hermeneutik des Verdachts bedeutet, dass:
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Schüssler Fiorenza: alle Bibeltexte wurden in einem patriarchalen Kontext verfasst. Die Hermeneutik des Verdachts liest Texte mit dem Ziel, gelöschte Spuren von Frauen zu identifizieren.Q3/8
Die Argumentation von Ordinatio sacerdotalis (1994) stützt sich hauptsächlich auf:
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Inter insigniores (1976) und Ordinatio sacerdotalis (1994): das Hauptargument ist Jesu Praxis (ausschließlich männliche Wahl der Zwölf) und die unvordenkliche Kirchentradition.Q4/8
Elizabeth Johnsons Verwendung weiblicher Gottesmetaphern ist:
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Johnson: Jes 49,15 (Gott als Mutter); Jes 66,13; Ps 22,9-10 (Gott als Hebamme); Lk 15,8-10 (Gott als Frau). Diese Metaphern sind nicht neu, sondern wurden durch die androzentrische Tradition verdunkelt.Q5/8
Isasi-Diaz' mujerista Theologie unterscheidet sich von der weißen feministischen Theologie, weil:
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Isasi-Diaz: die weiße feministische Theologie universalisiert weibliche Mittelklasseerfahrungen. Latinas erleiden doppelte Marginalisierung (Geschlecht + Ethnizität + Klasse). Lo cotidiano ist der eigentliche theologische Ort.Q6/8
Die komplementaristische/egalitaristische Unterscheidung dreht sich um:
💡
Komplementarismus (Grudem, Piper): männliche Führung ist Schöpfungsordnung (1 Tim 2,12-13; 1 Kor 11,3). Egalitarismus: Gal 3,28 übersteigt jede Geschlechterhierarchie.Q7/8
Phyllis Trible zeigt in God and the Rhetoric of Sexuality (1978), dass:
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Trible: Dtn 32,18 (Gott als Fels, der dich gebar); Jes 49,15; Jes 66,13; Ps 22,9-10. Diese Metaphern gehören zur Identität des Gottes Israels.Q8/8
Carter Heywards Christologie basiert auf:
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Heyward (The Redemption of God, 1982): Beziehungschristologie. Jesus ist Erlöser nicht wegen seines Geschlechts, sondern wegen seiner Praxis der befreienden Gegenseitigkeit.Score
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