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Evangelische Theologie — Modul 5

Sakramente

Sakramentenlehre — Taufe und Abendmahl. Der große Spaltpilz des Protestantismus seit Marburg (1529).

2prot. Sakramente
7kath. Sakramente
1529Marburg
BEM1982
Luther
HOC EST CORPUS MEUM. Dieser Text ist zu stark für mich -- der Leib Christi IST im Brot.
Est bedeutet significat. Das ist offensichtlich.
🏛
Zwingli

Sakramententheologie

Ein Sakrament ist ein sichtbarer Ritus, der von Christus eingesetzt wurde und ein äußeres Zeichen mit einer göttlichen Verheißung verbindet. Das lateinische sacramentum übersetzt das griechische μυστήριον (Mysterium) -- kein Geheimnis, sondern eine vollbrachte und offenbarte göttliche Wirklichkeit. Die christlichen Traditionen divergieren tiefgreifend hinsichtlich Anzahl, Natur und Wirksamkeit der Sakramente.

Die Anzahl der Sakramente

✠ Protestantisch

Zwei Sakramente von Christus selbst eingesetzt: Taufe (Mt 28,19) und Abendmahl (1 Kor 11,23-26). Kriterium: ausdrückliche Einsetzung durch Christus + angeheftete Gnadenverheißung. Die fünf übrigen katholischen Sakramente erfüllen dieses doppelte Kriterium nicht.

✟ Katholisch

Sieben Sakramente (Trient, Session VII, 1547; KKK 1113): Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Krankensalbung, Weihe, Ehe. Sie verleihen Gnade ex opere operato -- durch den bloßen Vollzug der gültigen Verwaltung, unabhängig vom Verdienst des Spenders.

☦ Orthodox

Sieben Mysterien (μυστήρια), aber ohne die Starrheit der lateinischen Liste. Die Eucharistie ist das Zentrum des gesamten kirchlichen Lebens. Die Siebenzahl wurde im 15. Jh. unter katholischem Einfluss übernommen.

Taufe -- Wesentliche Divergenzen

FrageLutherisch/ReformiertTäuferisch/Baptistisch
Subjekt der TaufeSäuglinge (Kindertaufe)Nur Gläubige (Gläubigentaufe)
WirksamkeitLutherisch: verleiht regenerierende Gnade. Reformiert: Zeichen des Bundes.Öffentliches Glaubenszeugnis -- nicht regenerierend an sich.
ModusBesprengung oder UntertauchenUntertauchen erforderlich (Baptisten)
SchlüsseltextApg 16,15.33 (Haustaufen); Kol 2,11-12Mk 16,16; Apg 2,38

Das Abendmahl -- Das große sakramentale Schisma

Das Marburger Gespräch (1529) zeigte, dass das Abendmahl den Protestantismus ebenso spaltet wie Protestanten und Katholiken. Vier Hauptpositionen:

Reale Gegenwart (Luther)

Lutheraner

Leib und Blut Christi sind wahrhaftig gegenwärtig in und mit Brot und Wein (in, cum et sub). Keine Transsubstantiation (die Substanz des Brotes bleibt), aber eine geheimnisvolle reale Gegenwart. Gegründet auf Lk 22,19 wörtlich genommen.

🕊

Geistliche Gegenwart (Calvin)

Reformierte

Christus ist beim Abendmahl wahrhaftig gegenwärtig, aber geistlich -- durch den Heiligen Geist, der die Herzen zum verherrlichten Christus zur Rechten des Vaters emporhebt. Weder Transsubstantiation noch bloßes Symbol. Sursum corda.

🍞

Gedächtnismahl (Zwingli)

Täufer, einige Evangelikale

Das Abendmahl ist ein Gedächtnis des Todes Christi -- ein Zeichen, das erinnert und verkündigt, kein objektives Gnadenmittel. Est = significat. 1 Kor 11,26.

Transsubstantiation (Katholisch)

Katholisch, in Trient definiert

Die Substanz von Brot und Wein wird in die Substanz von Leib und Blut Christi umgewandelt (Trient, Session XIII, 1551; DH 1636-1661). Die Akzidentien bleiben. Die Messe ist auch ein Sühneopfer.

Calvin -- Das Abendmahl als wirkliches Gemeinschaftsmahl

Institutio IV.17.1-3 (1559) / CO 2, 1003-1006 / LCC 21, 1360-1364

« Ich sage also, dass im Geheimnis des Abendmahls Christus durch die Zeichen von Brot und Wein seinen wahren Leib und sein wahres Blut uns darreicht, damit unser Glaube geübt werde in ihrer Erkenntnis. [...] Diese geistliche Gegenwart, von der ich spreche, ist keine eingebildete, sondern eine wirkliche und wahre. »
Dico ergo in Coenae mysterio, pane et vino signis, Christum, verum corpus et verum sanguinem suum nobis exhibere...

🔍 Analyse

Calvin navigiert zwischen zwei Klippen: der katholischen Transsubstantiation (die er mit einer unbiblischen aristotelischen Philosophie verbunden sieht) und dem zwinglischen Memorialismus (der das Abendmahl jeder realen Wirksamkeit entleert). Seine Lösung: Christus ist wahrhaftig gegenwärtig, aber seine Gegenwart ist geistlich und himmlisch -- nicht körperlich und irdisch. Der Heilige Geist ist das Organ dieser Gegenwart.

📚 Glossar

Sakrament

sacramentum -- heiliges Zeichen

Sichtbarer Ritus, der von Christus eingesetzt wurde und ein äußeres Zeichen mit einer göttlichen Verheißung verbindet. Protestantisch: 2 Sakramente. Katholisch/orthodox: 7 Sakramente/Mysterien.

Mt 28,19; 1 Kor 11,23-26

Ex opere operato

Lat.: durch den Vollzug des Aktes

Katholische Position: Die Sakramente verleihen Gnade durch den bloßen Vollzug ihrer gültigen Verwaltung, unabhängig vom Verdienst des Spenders oder Empfängers.

DH 1608; KKK 1128

Transsubstantiation

transsubstantiatio

Umwandlung der Substanz von Brot und Wein in die Substanz von Leib und Blut Christi bei der Konsekration. In Trient definiert (Session XIII, 1551).

DH 1636-1661

In, cum et sub

Lat.: in, mit und unter

Lutherische Formel: Christi Leib und Blut sind in, mit und unter dem Brot und Wein gegenwärtig. Keine Transsubstantiation. Reale Gegenwart ohne Substanzwandel.

FC VII/VIII

Gläubigentaufe

βάπτισμα + credo

Täuferische und baptistische Position: Nur bekennende Gläubige können getauft werden. Gegen die Säuglingstaufe (Paedobaptismus).

Apg 2,38; Mk 16,16

📚 Pour aller plus loin

Primärquellen

Luther, Martin. Großer Katechismus (1529). WA 30/1, 125-238 / LW 53.
Calvin, Johannes. Institutio IV.14-19 (1559). LCC 21, 1276-1485.
Konzil von Trient. Sessionen VII (1547) und XIII (1551). DH 1600-1661.
BEM (Taufe, Eucharistie und Amt). Genf: ÖRK, 1982.

Akademische Studien

Gerrish, Brian. Grace and Gratitude: The Eucharistic Theology of John Calvin. Edinburgh: T&T Clark, 1993.
Beasley-Murray, G.R. Baptism in the New Testament. Grand Rapids: Eerdmans, 1962.

Katholisch

Wie viele Sakramente erkennt der Protestantismus an und welche?

Zwei: Taufe (Mt 28,19) und Abendmahl (1 Kor 11,23-26). Protestantisches Kriterium: (1) ausdrückliche Einsetzung durch Christus, (2) äußeres Zeichen (Wasser/Brot-Wein), (3) angeheftete göttliche Verheißung. Ehe, Ordination, Buße usw. erfüllen nicht alle drei.

Abendmahl

Was bedeutet ex opere operato?

Katholische Position (Trient, 1547; DH 1608): Die Sakramente verleihen Gnade durch den bloßen Vollzug ihrer gültigen Verwaltung, unabhängig von der Heiligkeit des Spenders oder dem subjektiven Glauben des Empfängers. Protestantische Position: Wirksamkeit hängt vom Glauben des Empfängers ab.

Transsubstantiation

Was ist der Unterschied zwischen Luthers und Calvins Position beim Abendmahl?

Luther (Konsubstantiation): Leib und Blut Christi sind wahrhaftig gegenwärtig in, mit und unter dem Brot und Wein -- ohne Substanzwandel. Calvin (geistliche Gegenwart): Christus ist durch seinen Geist wahrhaftig gegenwärtig für die, die im Glauben empfangen -- aber sein verherrlichter Leib ist zur Rechten des Vaters (sursum corda). Zwingli: reines Gedächtnis.

Täuferisch

Was ist Transsubstantiation?

Katholische Lehre in Trient (Session XIII, 1551; DH 1636-1661): Bei der Konsekration wird die Substanz von Brot und Wein ganz in den Leib und das Blut Christi umgewandelt. Die Akzidentien (Erscheinungen) bleiben. Der Priester erneuert das einmalige Opfer Christi in der Messe.

Ökumene

Was ist Gläubigentaufe?

Täuferische und baptistische Position (Conrad Grebel, Zürich 1525): Die Taufe ist denen vorbehalten, die persönlich ihren Glauben bekennen -- nicht Säuglingen. Die Kirche ist eine freiwillige Jüngergemeinde. Säuglingstaufe ist ungültig -- Wiedertaufe erforderlich. Biblische Grundlage: 'glaubt und wird getauft' (Mk 16,16; Apg 2,38).

Zürich

Was ist das BEM (1982)?

Taufe, Eucharistie und Amt -- Limadokument des ÖRK (Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, 1982). Bedeutende ökumenische Konvergenz: erkennt Konvergenzbereiche zwischen katholischer, orthodoxer und protestantischer Tradition in den drei Themen an. Nicht bindend, aber sehr einflussreich.

Leuenberg

Was ist Zwinglis Position beim Abendmahl?

Reiner Memorialismus: Das Abendmahl ist eine Gedächtnisfeier des Todes Christi, kein objektives Gnadenmittel. Est = significat: 'Das ist mein Leib' bedeutet 'das bezeichnet meinen Leib.' Christus ist geistlich gegenwärtig, aber nicht in oder durch die Elemente. 1 Kor 11,26.

Q1Erklären Sie die vier protestantischen und katholischen Positionen zur Eucharistie. Was sind die theologischen Einsätze?

Luther (Konsubstantiation): reale körperliche Gegenwart in, mit und unter den Elementen -- ohne Substanzwandel. Calvin (geistliche Gegenwart): reale geistliche Gegenwart -- Christus wahrhaftig gegenwärtig durch seinen Geist für die, die im Glauben empfangen. Der Geist hebt uns zu Christus (sursum corda). Zwingli (Memorialismus): reines Gedächtnis -- 'Das ist mein Leib' = 'das bezeichnet meinen Leib.' Katholische Transsubstantiation: Substanz von Brot/Wein in Leib/Blut umgewandelt (Trient, 1551). Theologische Einsätze: (1) Natur der verherrlichten Menschheit Christi; (2) Verhältnis von Zeichen und Wirklichkeit; (3) sakramentale Wirksamkeit; (4) Ekklesiologie.

Gerrish. Grace and Gratitude. T&T Clark, 1993. Konzil von Trient, Session XIII, DH 1635-1661.

Q2Was sind die Argumente für und gegen die Säuglingstaufe? Wer sind die Hauptprotagonisten?

Für die Kindertaufe (Lutherisch/Reformiert): (1) Kontinuität mit der alttestamentlichen Beschneidung (Kol 2,11-12); (2) Haustaufen in der Apostelgeschichte (16,15.33); (3) 'Lasset die Kindlein zu mir kommen' (Mk 10,14); (4) Taufe verleiht regenerierende Gnade (lutherisch) oder bestätigt die Erwählung (reformiert). Dagegen (Täufer, Baptisten): (1) Das NT fordert persönlichen Glauben vor der Taufe (Mk 16,16; Apg 2,38); (2) Die Kirche ist eine freiwillige Jüngergemeinde; (3) Kindertaufe ist historisch eine Neuerung. Protagonisten: Conrad Grebel (Zürich, 1525); Menno Simons (1536).

Beasley-Murray. Baptism in the New Testament. Eerdmans, 1962.

🎯

Quiz -- Sakramententheologie

6 questions

1/6

Q1/6

Das protestantische Kriterium zur Anerkennung eines Sakraments erfordert alle folgenden Elemente AUSSER:

AEinsetzung durch Christus selbst in den Evangelien oder apostolischen Schriften
BEin äußeres sichtbares Zeichen (Wasser, Brot, Wein)
CEine angeheftete Verheißung der göttlichen Gnade
DAnerkennung durch ein allgemeines Konzil der Kirche

💡

Protestantisches Sakramentskriterium (Calvin, Institutio IV.14; Luther, Großer Katechismus): (1) Einsetzung durch Christus selbst, (2) äußeres Zeichen, (3) angeheftete Verheißung. Ehe, Ordination und Buße erfüllen nicht alle drei Kriterien. Keine Konzilsanerkennung erforderlich.

Q2/6

Calvins Position zur Gegenwart Christi beim Abendmahl wird bezeichnet als:

ATranssubstantiation
BKonsubstantiation
CReale geistliche Gegenwart oder 'Virtualismus'
DReiner Memorialismus

💡

Calvin (Institutio IV.17): reale geistliche Gegenwart -- Christus wahrhaftig gegenwärtig für die, die im Glauben empfangen; sein verherrlichter Leib bleibt zur Rechten des Vaters. Der Geist hebt Herzen zu Christus (sursum corda). Nicht Transsubstantiation, nicht Konsubstantiation, nicht reiner Memorialismus.

Q3/6

Die Formel 'in, cum et sub' (in, mit und unter) beschreibt:

ACalvins Lehre der realen geistlichen Gegenwart
BDie katholische Lehre der Transsubstantiation
CDie lutherische Lehre der realen körperlichen Gegenwart Christi in und unter den Elementen
DDie zwinglische Lehre vom rein symbolischen Charakter des Abendmahls

💡

Lutherische Formel (FC VII/VIII): Christi Leib und Blut sind wahrhaftig gegenwärtig in, mit und unter dem Brot und Wein des Abendmahls -- ohne Substanzwandel. Das Brot bleibt Brot, aber Christus ist wahrhaftig körperlich mit dem Brot gegenwärtig.

Q4/6

Das BEM (Taufe, Eucharistie und Amt, 1982) ist:

AEin bindender ökumenischer Vertrag, der von allen christlichen Konfessionen unterzeichnet wurde
BEin Konvergenzdokument des ÖRK, das Einigkeitsbereiche zwischen den Traditionen zu den drei Themen anerkennt
CEine Erklärung des Vatikans zur katholischen Sakramentenlehre
DEin lutherisch-reformiertes Abkommen, das das Marburger Gespräch ablöst

💡

BEM (Lima, 1982): Konvergenzdokument der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung. NICHT bindend, aber sehr einflussreich. Es identifiziert Konvergenzbereiche zwischen katholischen, orthodoxen und protestantischen Traditionen zu Taufe, Eucharistie und Amt.

Q5/6

Das täuferische Argument gegen die Säuglingstaufe beruht hauptsächlich auf:

ADer Überzeugung, dass die Taufe für die Rettung von Kindern unwirksam ist
BDer Forderung eines persönlichen Glaubensbekenntnisses vor der Taufe und der Kirchenkonzeption als freiwillige Jüngergemeinde
CDer Ablehnung der Trinität, die die trinitarische Taufe ungültig macht
DDer ausschließlichen Verwendung der Untertauchtaufe als einzig gültige Taufform

💡

Täufer (Conrad Grebel, Zürich 1525): Die Taufe erfordert ein vorheriges Glaubensbekenntnis (Mk 16,16; Apg 2,38). Die Kirche ist keine Volkskirche, sondern eine freiwillige Jüngergemeinde. Die Säuglingstaufe verwechselt Kirche und bürgerliche Gesellschaft.

Q6/6

In der katholischen Lehre der Transsubstantiation sind nach der Konsekration:

ABrot und Wein verschwunden und durch Leib und Blut ersetzt
BDie Erscheinungen von Brot und Wein verschwunden und nur der verherrlichte Christus sichtbar
CDie Substanz von Brot und Wein in Leib und Blut umgewandelt, aber die Akzidentien (Erscheinungen) bleiben
DBrot und Wein koexistieren neben dem Leib und Blut Christi

💡

Konzil von Trient (Session XIII, 1551; DH 1636-1661): Transsubstantiation = Umwandlung der gesamten Substanz von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Die Akzidentien bleiben. Keine Vernichtung, keine Impanation, sondern Substanzumwandlung.
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Bibliography / Bibliographie / Bibliografia

Sacramental theology -- patristic and medieval

  • Justin Martyr. 1 Apology, ch. 65-67 (ca. 150). SC 507.
  • Cyprian. De ecclesiae unitate. SC 500.
  • Augustine. Tractates on John. CChr.SL 36.
  • Peter Lombard. Sentences, IV (1158).
  • Aquinas. Summa Theologiae, III, q. 60-83.
  • Hugh of Saint Victor. De sacramentis. PL 176.

Reformation -- sacramental debates

  • Luther. Babylonian Captivity (1520). LW 36.
  • Luther. Confession Concerning Christ's Supper (1528). LW 37.
  • Zwingli. Commentary on True and False Religion (1525). Z III.
  • Calvin. Institutes, IV.14-19.
  • Trent. Sessions VII, XIII, XXI-XXII, XXIV.

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