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Biblische Exegese — Modul 1

Die Evangelien

Vier Porträts eines Herrn, vier Gemeinden, vier Christologien. Vom Messiasgeheimnis des Markus bis zum präexistenten Logos des Johannes.

4 EvangelienNT-Kanon
65-100 n.Chr.Datierungen
Qhypothetische Quelle
3. Suchehistorischer Jesus
📖

Einleitung: Das synoptische Problem

Die vier kanonischen Evangelien bilden das Herzstück des NT. Das synoptische Problem bezeichnet die auffallenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Matthäus, Markus und Lukas.

1. Die Zwei-Quellen-Hypothese

Dominante Lösung (Lachmann 1835, Holtzmann 1863): (1) Markusprimat — Markus ist das älteste Evangelium; (2) Q-Quelle — verlorene Logiensammlung gemeinsam von Matthäus und Lukas benutzt. Dazu M (matthäisches Sondergut) und L (lukanisches Sondergut). Alternativen: Farrer-Goulder (ohne Q), Griesbach (Matthäus zuerst).

2. Markus — Das Messiasgeheimnis

Markus (ca. 65-70 n.Chr.). Wrede (1901): Markus stellt Jesus systematisch dar, der nach Wundern Schweigen gebietet (1,44; 5,43; 8,30) und die Unverständigkeit der Jünger betont. Christologie: Menschensohn (8,31; 10,45), der leiden muss. Das Lösegeld-Logion (10,45) ist die zentrale soteriologische Aussage. Abruptes Ende (16,8).

3. Matthäus — Der Neue Mose

Matthäus (ca. 80-90 n.Chr.) strukturiert Jesu Wirken um fünf Reden (Pentateuch-Imitation): (1) Bergpredigt (5-7); (2) Missionsdiskurs (10); (3) Gleichnisse vom Reich (13); (4) Gemeindeordnung (18); (5) Eschatologischer Diskurs (24-25). Jede endet: 'Als Jesus diese Reden beendet hatte...' Christologie: Immanuel, Neuer Mose. Missionsbefehl (28,18-20).

4. Lukas-Apostelgeschichte — Heilsgeschichte

Conzelmann (1960): drei Epochen: (1) Israel und Propheten; (2) Jesus — 'Mitte der Zeit'; (3) Kirche des Geistes (Apg). Lukanische Besonderheiten: Universalismus (Genealogie bis Adam, Lk 3,38); die Armen (Seligpreisung 6,20; Weherufe 6,24-26; Lazarus 16,19-31); Frauen; Barmherzigkeit (Barmherziger Samariter 10,25-37; Verlorener Sohn 15,11-32 — lukanisches Sondergut); Gebet und Geist.

5. Johannes — Das Logos-Evangelium

Johannes (ca. 90-100 n.Chr.). Prolog (1,1-18): 'Im Anfang war das Wort, und das Wort war Gott.' Logos kreuzt hebräische Weisheit, stoischen Logos, schöpferisches Wort (Gen 1). 'Das Wort wurde Fleisch' (1,14). Sieben Zeichen und Ich-bin-Worte (Brot des Lebens, Licht, Tür, Guter Hirte, Auferstehung und Leben, Weg-Wahrheit-Leben, Weinstock) verweisen auf Gottesnamen (Ex 3,14). Christologie: 'Ich und der Vater sind eins' (10,30). Passion: Jesus stirbt am 14. Nisan (19,14.36).

✟ Katholisch

Die Instruktion der PBK zur historischen Wahrheit der Evangelien (1964) erkennt drei Stufen an. Vatikanum II, Dei Verbum 19: Historisch-kritische Methoden werden anerkannt.

✠ Protestantisch

Historisch-kritische Exegese entstand im protestantischen Aufklärungsdenken (Reimarus, Lessing). Wright vertritt eine konservativ-evangelikale Aneignung der Dritten Suche.

☦ Orthodox

Die orthodoxe Tradition liest die Evangelien primär im liturgischen und patristischen Kontext (Chrysostomus, Kyrill). Historische Kritik wird vorsichtig aufgenommen.

📚 Pour aller plus loin

Bibliographie

Bultmann, Rudolf. Geschichte der synoptischen Tradition. Göttingen: V&R, 1921.
Conzelmann, Hans. Die Mitte der Zeit. Tübingen: Mohr Siebeck, 1954.
Brown, Raymond E. The Gospel According to John. 2 vols. AB 29-29A. Garden City: Doubleday, 1966-1970.
Wright, N.T. Jesus und der Sieg Gottes. Gütersloh: Kaiser, 1999.
Meier, John P. A Marginal Jew. 5 vols. New York: Doubleday, 1991-2016.
Bauckham, Richard. Jesus and the Eyewitnesses. Grand Rapids: Eerdmans, 2006.
Bovon, François. Das Evangelium nach Lukas. 4 Bde. EKK III. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 1989-2009.
France, R.T. The Gospel of Mark. NIGTC. Grand Rapids: Eerdmans, 2002.
Keener, Craig S. The Gospel of John. 2 vols. Peabody: Hendrickson, 2003.
Sanders, E.P. Jesus und das Judentum. Stuttgart: Kohlhammer, 1993.
Chrysostom, John. Homilies on the Gospel of John (88 hom.). PG 59. NPNF 1/14.
Chrysostom, John. Homilies on the Gospel of Matthew (90 hom.). PG 57-58. NPNF 1/10.
Augustine. Tractates on the Gospel of John (124 hom.). PL 35. CChr.SL 36. NPNF 1/7.
Luther, Martin. Predigten über das Johannes-Evangelium. WA 45-47. LW 22-24.
Calvin, Jean. Harmonie évangélique. CO 45-46. CNTC 1-3.

Markus

Was ist die Zwei-Quellen-Hypothese?

Dominante Loesung (1835/1863): (1) Markusprimat; (2) Q-Quelle. Dazu M und L. Alternativen: Farrer-Goulder (ohne Q), Griesbach.

Markus

Was ist das Messiasgeheimnis nach Wrede?

Wrede (1901): Markus laeest Jesus nach Wundern Schweigen gebieten und betont Juengersunverstaendnis. Nur das Kreuz offenbart wer Jesus wirklich ist.

Matthaus

Was sind die fuenf Reden des Mattaeus?

(1) Bergpredigt (5-7); (2) Mission (10); (3) Gleichnisse (13); (4) Gemeinde (18); (5) Eschatologie (24-25). Christologie: Neuer Mose; Immanuel.

Lukas

Was ist Conzelmanns Heilsgeschichte?

Drei Epochen (1954): (1) Israel und Propheten; (2) Jesus als Mitte der Zeit; (3) Kirche des Geistes. Lukanisch: Universalismus, Arme, Frauen, Barmherzigkeit.

Johannes

Was ist der johanneische Prolog und Logos-Begriff?

Joh 1,1-18: 'Im Anfang war das Wort.' Logos kreuzt Weisheit (Spr 8), stoischen Logos, Schoepferwort (Gen 1). 'Das Wort wurde Fleisch' (1,14). Ich-bin-Worte: Gottesname (Ex 3,14). 'Ich und der Vater sind eins' (10,30).

Johannes

Was sind die sieben Zeichen bei Johannes?

7 Zeichen: Wasser zu Wein, Sohn des Beamten, Gelahmter, Brotvermehrung, Seewandel, Blindgeborener, Lazarus. Jedes verbunden mit Ich-bin-Wort (Ex 3,14).

Forschung

Was ist die Dritte Suche nach dem historischen Jesus?

Dritte Suche (1980er-2000er): verankert Jesus rigoros im juedischen Kontext der Zweiten-Tempel-Zeit. Schluessel: Sanders (1985), Wright (1996), Meier (1991-2016), Bauckham (2006).

Lukas

Was macht das Lukasevangelium einzigartig?

Lukanische Besonderheiten: Universalismus (Genealogie bis Adam); die Armen (6,20; 6,24-26; Lazarus 16,19-31); Frauen; Barmherzigkeit (Barmherziger Samariter, Verlorener Sohn — lukanisches Sondergut); Gebet und Geist.

Q1Vergleichen Sie die Christologien von Markus, Matthaus und Johannes.

Markus: Messiasgeheimnis, Menschensohn-Christologie (8,31; 10,45). Jesus wird erst beim Tod als Sohn Gottes erkannt (15,39).

Matthaus: Erfullung und Immanuel. Neuer Mose, Sohn Davids (16,16). Missionsbefehl (28,18-20).

Johannes: hochste NT-Christologie. Praexistenter Logos (1,1-18), Inkarnation (1,14), Einheit mit Vater (10,30), Ich-bin-Worte (Ex 3,14).

Brown, R.E. The Gospel of John. AB, 1966. Wrede, W. The Messianic Secret. 1971.

Q2Analysieren Sie die eigenstandigen theologischen Beitrage von Lukas-Apg.

Lukanische Beitrage: (1) Universalismus: Genealogie bis Adam (3,38), Mission zu den Enden der Erde (Apg 1,8). (2) Theologie des Gebets. (3) Die Armen: Seligpreisung (6,20), Lazarusgleichnis (16,19-31). (4) Frauen: uber 10 lukanische Sonderstoffe. (5) Barmherzigkeit: Barmherziger Samariter (10,25-37), Verlorener Sohn (15,11-32).

Conzelmann, H. 1960. Bovon, F. Luke. Hermeneia. 2002-2013.

🎯

Quiz — Die Evangelien

4 questions

1/4

Q1/4

Die Zwei-Quellen-Hypothese postuliert, dass:

AMarkus von Matthaus abhangt
BMarkus das alteste Evangelium ist, benutzt von Mt und Lk, die auch Q teilten
CAlle Synoptiker von einem Proto-Evangelium abhangen
DJohannes die Primarquelle ist

💡

Zwei-Quellen-Hypothese (Lachmann 1835, Holtzmann 1863): (1) Markusprimat; (2) Q-Quelle. Plus M und L.

Q2/4

Die funf Reden des Matthaus imitieren:

ADie funf Buchern der Psalmen
BDie funf Bucher des Pentateuch
CDie funf Solas der Reformation
DDie funf Teile des Jesajabuches

💡

Die 5 Reden imitieren die 5 Bucher Mose: Bergpredigt / Mission / Gleichnisse / Gemeinde / Eschatologie. Jesus = Neuer Mose.

Q3/4

Die Ich-bin-Worte verweisen auf:

ADie Jom-Kippur-Liturgie
BDen Gottesnamen in Ex 3,14 und Jesu gottliche Identitat
CDie paulinische Weisheitschristologie (1 Kor 1,24)
DDen Menschensohntitel aus Dan 7

💡

Die 7 Ich-bin-Worte und das absolute ego eimi (Joh 8,58) verweisen auf Ex 3,14 (LXX). Johannes affirmt Jesu Praexistenz und gottliche Identitat.

Q4/4

Conzelmanns Heilsgeschichte gliedert Lukas-Apg in:

AZwei Epochen: AT und NT
BDrei Epochen: Israel/Propheten, Jesus als Mitte, Kirche des Geistes
CVier Perioden: Schopfung, Gesetz, Propheten, Christus
DSieben Weltalter nach der Offenbarung

💡

Conzelmann (1954): (1) Israel und Propheten; (2) Jesus -- Mitte der Zeit; (3) vom Geist gefuhrte Kirche (Apg).
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