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Konfessionen im Vergleich

Liturgie und Kirchenjahr

Kirchenjahr, christliche Feste und Gottesdienstformen — protestantisch · katholisch · orthodox

Das Kirchenjahr ordnet die Zeit um das Christusereignis: Es beginnt mit der Erwartung des Advents, gipfelt in Ostern und endet mit der Erwartung der Wiederkunft. Die drei Traditionen teilen seinen Grundriss und gehen in seinem Umfang, seinen Festen und seinem Gewicht weit auseinander.

Der gemeinsame Grundriss

ZeitKatholischOrthodoxLutherischReformiert
AdventVier Sonntage; Beginn des Kirchenjahres; violettPhilippusfasten, 40 Tage vom 15. NovemberVier Sonntage; Beginn des KirchenjahresVier Sonntage; in Genf und im Waadtland seit dem 19. Jh. wiederaufgenommen
Weihnachten25. Dezember; Weihnachtszeit bis zur Taufe des Herrn25. Dezember nach dem julianischen oder dem revidierten Kalender; Theophanie am 6. Januar mit Wasserweihe25. Dezember; Epiphanias am 6. Januar25. Dezember; Zwingli und Calvin hatten die Feste abgeschafft, Genf stellte Weihnachten 1550 wieder her
Fastenzeit40 Tage ab Aschermittwoch; Fasten und Abstinenz stark gelockertGroße Fastenzeit, 7 Wochen ab dem Montag nach dem Käsesonntag; strenges Fasten ohne Fleisch, Milch, ÖlPassionszeit; kein verpflichtendes FastenPassionszeit ohne Fasten; Karfreitag als höchster Feiertag in der Westschweiz und in Deutschland
OsternGregorianischer Kalender; Osternacht mit TaufeJulianischer Kalender: meist 1 bis 5 Wochen später; Osternacht um MitternachtGregorianischer KalenderGregorianischer Kalender; traditionell Abendmahlssonntag
Pfingsten50. Tag; Ende der Osterzeit; rotTrinitatis und Pfingsten fallen zusammen; Kniebeugungsvesper50. Tag; danach die Trinitatiszeit50. Tag; Konfirmationen häufig an Pfingsten
Zeit im Jahreskreis34 Wochen; grünSonntage nach Pfingsten, nach dem Oktoechos gezähltSonntage nach TrinitatisKeine eigene Bezeichnung; Reformationssonntag im November, Bettag im September in der Schweiz

Das Osterdatum

Nizäa 325 und die zwei Kalender

Das Konzil von Nizäa legte fest, dass Ostern am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche gefeiert wird. Alle Kirchen halten daran fest, doch der Westen rechnet seit 1582 nach dem gregorianischen, der Osten nach dem julianischen Kalender, der inzwischen dreizehn Tage nachgeht und einen anderen Vollmond berechnet. Die Daten fallen etwa alle drei Jahre zusammen. Das Konzil von Kreta 2016 und der Ökumenische Rat der Kirchen haben wiederholt ein gemeinsames Datum vorgeschlagen; 2025, im Jubiläumsjahr von Nizäa, fielen die Daten zusammen, und Papst Franziskus wie der Ökumenische Patriarch Bartholomaios sprachen sich für eine dauerhafte Lösung aus, ohne dass sie bisher beschlossen wäre.

Feste, die nur eine Tradition kennt

FestTraditionDatumBedeutung
FronleichnamKatholischDonnerstag nach TrinitatisVerehrung der Eucharistie; seit 1264; Prozessionen; von der Reformation als Sakramentsanbetung verworfen
Unbefleckte EmpfängnisKatholisch8. DezemberDogma von 1854; in Orthodoxie und Protestantismus nicht rezipiert
Triumph der OrthodoxieOrthodoxErster FastensonntagGedenken an das Ende des Bilderstreits 843; Prozession mit Ikonen
VerklärungOrthodox (und katholisch)6. AugustIm Osten eines der zwölf Hochfeste, mit der Segnung der Früchte; im Westen Fest zweiter Ordnung
ReformationstagLutherisch, reformiert31. Oktober oder erster NovembersonntagThesenanschlag 1517; in einigen deutschen Ländern gesetzlicher Feiertag
Eidgenössischer Dank-, Buß- und BettagSchweizer Kirchen aller KonfessionenDritter SeptembersonntagSeit 1832 vom Bund eingeführt; ökumenisch begangen; in Genf der Jeûne genevois am Donnerstag nach dem ersten Septembersonntag

Der Gottesdienst zeigt am unmittelbarsten, was eine Tradition glaubt: Wo die Kanzel steht, wo der Altar oder der Tisch, ob man steht oder sitzt, ob man singt oder hört. Die drei Grundformen — Messe, Göttliche Liturgie, Predigtgottesdienst — sind Verkörperungen dreier Ekklesiologien.

Die Ordnung des Gottesdienstes im Vergleich

TeilRömische Messe (1970)Göttliche Liturgie (Chrysostomus)Reformierter Gottesdienst (Genfer Tradition)
EröffnungEinzug, Kreuzzeichen, Schuldbekenntnis, Kyrie, Gloria, TagesgebetProskomidie im Verborgenen; Friedensektenie; drei Antiphonen; kleiner Einzug mit dem EvangeliarEingangswort (Ps 124,8: „Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn“), Sündenbekenntnis, Gnadenzuspruch, Gesetz oder Psalm
WortteilErste Lesung (AT), Antwortpsalm, zweite Lesung (Brief), Halleluja, Evangelium, Predigt, Credo, FürbittenTrisagion, Apostellesung, Halleluja, Evangelium, Predigt (Ort variabel), EktenienGebet um Erleuchtung, Schriftlesung, Predigt als Mitte des Gottesdienstes, Glaubensbekenntnis
SakramentsteilGabenbereitung, Präfation, Sanctus, Hochgebet mit Einsetzungsworten und Epiklese, Vaterunser, Friedensgruß, Agnus Dei, KommunionGroßer Einzug mit den Gaben, Credo, Anaphora mit Einsetzungsworten und Epiklese, Vaterunser, Kommunion unter beiden Gestalten mit dem LöffelAbendmahl an bestimmten Sonntagen: Einsetzungsworte, Abendmahlsgebet, Austeilung an die Gemeinde, die zum Tisch kommt oder in den Bänken empfängt
SendungSchlussgebet, Segen, Entlassung („Ite, missa est“)Dankgebet, Entlassung, Verteilung des AntidoronFürbittengebet, Vaterunser, Segen (Num 6,24-26 oder 2 Kor 13,13)

Drei Räume, drei Theologien

Der Altar

Die Messe ist Opfer: Der Altar steht im Zentrum, seit dem Zweiten Vatikanum dem Volk zugewandt. Der Tabernakel bewahrt die konsekrierten Hostien, denen Anbetung gilt. Der Ambo für das Wort steht seitlich. Die Gemeinde kniet zur Wandlung. Der Priester handelt in persona Christi; seit 1970 ist die Volkssprache Regel, das Latein bleibt möglich.

Die Ikonostase

Die Bilderwand trennt das Allerheiligste vom Schiff und öffnet sich in der Königstür für den Einzug mit Evangeliar und Gaben. Sie verbirgt nicht, sie offenbart: Die Ikonen zeigen die Gegenwart des Himmels. Die Gemeinde steht, es gibt keine Bänke; der Gesang ist ausschließlich vokal. Die Liturgie ist Himmel auf Erden — so die Gesandten Wladimirs von Kiew 987 in der Hagia Sophia.

Die Kanzel

Die Predigt ist Wort Gottes; die Kanzel steht erhöht im Zentrum, der Abendmahlstisch — nicht Altar — davor oder darunter. Keine Bilder in der reformierten Tradition, Bilder als Lehrmittel in der lutherischen. Die Gemeinde sitzt und singt: Der Genfer Psalter von 1562 gab ihr die Stimme, die Kirchenlieder Luthers und Paul Gerhardts die lutherische. Das Abendmahl wird an einem Tisch empfangen, an dem alle gleich sind.

Das Abendmahl: Häufigkeit und Form

TraditionHäufigkeitElementeZulassung
KatholischJede Messe; Kommunionpflicht einmal jährlich, OsternUngesäuerte Hostie; Kelch seit 1970 wieder möglichGetaufte Katholiken in der Gnade; keine Interkommunion mit Protestanten
OrthodoxJede Liturgie; Empfang nach Vorbereitung durch Fasten und BeichteGesäuertes Brot und Wein, mit dem Löffel gereicht; Säuglinge kommunizieren nach der TaufeOrthodoxe Getaufte; strikt keine Interkommunion
LutherischJeden Sonntag in vielen Gemeinden seit der liturgischen ErneuerungHostie oder Brot, Wein; Einzelkelch verbreitetGetaufte, die die reale Gegenwart bekennen; Leuenberg öffnet den Tisch für Reformierte
ReformiertCalvin wollte es wöchentlich; der Genfer Rat setzte vier Mal jährlich durch; heute monatlich bis wöchentlichBrot, Wein oder TraubensaftOffener Tisch: alle Getauften, in vielen Kirchen alle, die den Herrn suchen

Calvin und die Häufigkeit

Calvin schrieb in der Institutio (IV.17.43), das Abendmahl solle „wenigstens einmal in der Woche“ gefeiert werden, und nannte die seltene Feier eine „Erfindung des Teufels“. Der Genfer Rat gestattete vier Feiern im Jahr, und diese Praxis prägte die reformierten Kirchen drei Jahrhunderte lang. Die liturgische Erneuerung des 20. Jahrhunderts, in der Westschweiz von Richard Paquier und der Gemeinschaft Église et Liturgie getragen, hat die häufigere Feier wieder eingeführt.

Bibliographie

  • Jungmann, Josef Andreas. Missarum Sollemnia. 2 Bde. Wien: Herder, 1948.
  • Schmemann, Alexander. Die Eucharistie. Sakrament des Gottesreiches. Einsiedeln: Johannes, 2005.
  • Taft, Robert F. The Byzantine Rite: A Short History. Collegeville: Liturgical Press, 1992.
  • Bieritz, Karl-Heinrich. Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart. 8. Aufl. München: Beck, 2014.
  • Schmidt-Lauber, Hans-Christoph, Michael Meyer-Blanck und Karl-Heinrich Bieritz, Hg. Handbuch der Liturgik. 3. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2003.
  • Paquier, Richard. Traité de liturgique. Neuchâtel: Delachaux et Niestlé, 1954.

Quiz — Liturgie und Kirchenjahr

Warum fällt das orthodoxe Ostern meist auf ein anderes Datum als das westliche?

  • Weil die Orthodoxie die Regel von Nizäa verworfen hat
  • Weil der Osten nach dem julianischen Kalender rechnet, der dreizehn Tage nachgeht und einen anderen Vollmond berechnet
  • Weil Ostern im Osten am Sabbat gefeiert wird
  • Weil der Osten Ostern an den Pessach-Termin bindet

Konzil von Nizäa 325; gregorianische Reform 1582